Eine Judas-Geschichte. Helene Schwärzel und Carl Goerdeler

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 von Henriette Piper

Carl F. Goerdeler
(*31.7.1884 Schneidemühl, + 2.2.1945, Plötzensee)
Helene Schwärzel
(*1902 Königsberg, + nach 1992)

Er wäre Reichskanzler geworden, wenn Hitler am 20. Juli 1944 das Attentat überlebt hätte. Stattdessen musste Carl Goerdeler untertauchen. Auf der Flucht vor seinen Häschern suchte der Oberbürgermeister von Leipzig Schutz in Ostpreußen. Hier war Carl Goerdeler von 1920-1930 zweiter Bürgermeister von Königsberg gewesen. In Rauschen besaß die Familie ein Sommerhaus. 

Goerdeler muss ein sehr freundlicher Mensch gewesen sein, denn die wenigen zufälligen Begegnungen mit ihm hatten auf die junge Helene Schwärzel tiefen Eindruck gemacht. 1902 in Königsberg geboren, später mit der Familie in Rauschen lebend, wuchs sie in schwierigen Verhältnissen auf. Der Vater, Eisenbahner, war Alkoholiker, die Mutter depressiv und ständig überfordert. Zu viele Kinder, zu viele Aufgaben, zu wenig Kraft. Tochter Helene gierte danach, gesehen zu werden.  

Im Rauschener Bahnhof vertrat die etwa 16-Jährige ihren betrunkenen Vater am Schalter, als Goerdeler eine Fahrkarte kaufen wollte. Er sah sie dabei freundlich an – so als hätte er sie wahrgenommen. Das geschah danach auch bei zufälligen Begegnungen auf der Rauschener Strandpromenade, wenn Helene in Begleitung ihrer Mutter dort flanierte. Goerdeler erwiderte den Gruß der Frauen freundlich und zog dabei seinen Hut. 

1944 ist Helene Schwärzel 42 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos und als Luftwaffenhelferin in Conradswalde bei Marienburg beschäftigt, als sie Carl Goerdeler wiedersieht.  Das Lohnbüro der Flugstaffel, in dem Helene arbeitet, ist in einem Gasthof untergebracht. Als Helene am Morgen des 12. August 1944 die Gaststube betritt, um den Frühstückstisch für die Kollegen zu decken, sieht sie Carl Goerdeler in einer Ecke hocken. Das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, bei dem Goerdeler beteiligt war, ist gut drei Wochen her. Seitdem ist er auf der Flucht, sein Name als „Volksverräter“ in aller Munde, sein Foto in allen Zeitungen erschienen – zuletzt am 8.8. 1944 im Königsberger Tageblatt. „Den kenne ich!“, hatte Helene zu ihren Kollegen im Büro gesagt und auf das Foto in der Zeitung getippt. „Den würde ich sofort wieder erkennen, überall!“ Nun sitzt Carl Goerdeler in der Conradswalder Gaststube und döst hinter einer Zeitung. Bis er Helenes Blick spürt und aufsieht. An seinem Blick erkennt Helene Schwärzel, dass er sich bewusst ist, erkannt worden zu sein. Helene geht, offenbar geschockt, zurück ins Lohnbüro, und weil sie nicht sprechen kann oder will, schreibt sie auf einen Zettel: „In der Gaststube sitzt Dr. Carl Goerdeler“.  

Die Kollegen glauben ihr nicht, vermutlich auch, weil sie von Helene generell nicht viel halten. Aber weil sie auf ihrer Beobachtung beharrt, gehen Zwei von ihnen schließlich doch nachsehen. Die Gaststube ist jetzt leer. Nun packt die Kollegen von Helena Schwärzel das Jagdfieber. Für Hinweise, die zur Ergreifung von Goerdeler führen würden, ist ein Kopfgeld von 1 Million Reichsmark ausgelobt, darum geht es jetzt. Helenes Kollegen machen sich auf die Suche und stellen Goerdeler. Sie überliefern den Gesuchten der Polizei und damit seinem weiteren Schicksal. 

In Conradswalde unterschreibt Helene zunächst das Protokoll, das die Kollegen ihr vorlegen. Erst als sie registriert, dass sie in der Schilderung gar nicht vorkommt, legt sie schriftlich Protest gegen die Darstellung ein – erfolgreich. Am Ende ist es Helene Schwärzel, der Hitler den ausgelobten Scheck mit den sechs Nullen überreicht. Das Foto vom Führer, der ihr, Helene, freundlich die Hand reicht, erscheint in allen deutschen Zeitungen. Man sieht sie. Aber das Glück bleibt aus.  

Danach weinte Helene viel“, sagen Zeugen später aus. In dieser Zeit stirbt auch Helenes Mutter. Der letzte Satz an die Tochter lautet: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“. 

Mit dem Geld kann Helene Schwärzel nicht recht etwas anfangen. 50 000 Reichsmark gehen an das Deutsche Rote Kreuz, Bedürftige in der Familie bekommen etwas, der Rest kommt aufs Sparbuch.   

Als Carl Goerdeler am 2. Februar 1945 in Plötzensee gehenkt wird, befindet sich Helene Schwärzel auf der Flucht. Nach der Kapitulation wird sie von einer Bekannten im Osten Berlins erkannt und denunziert. Man stellt ihr einen berühmten Pflichtverteidiger zur Seite, den Königsberger Paul Ronge (1901-1965). Er hatte zu Hitlers Zeiten mutig Widerständige verteidigt, darunter auch viele Pfarrer der Bekennenden Kirche. 

Helene Schwärzel lehnt für sich jede Verteidigung ab. Paul Ronge aber will bei diesem ersten der nun beginnenden politischen Prozesse Rechtsstaatlichkeit durchsetzen. Er will die bestmögliche Verteidigung seiner Mandantin. Helene, nun offenbar in religiöser Wahnvorstellung gefangen, sieht sich aber als Werkzeug Gottes und ist bereit zu welcher Strafe auch immer. Paul Ronge sieht in Helene Schwärzels Beitrag zum Geschehen hingegen nur einen ersten Anfang. Erst durch die Verfolgung Goerdelers durch die Kollegen und dann die Aktivitäten all der anderen Beteiligten nahm das Unrecht seinen Lauf. Goerdelers Tod war im Moment des Wiedererkennens und mit dem Hinweis auf seine Anwesenheit in der Gaststube keineswegs schon besiegelt. Es hätte auch anders laufen können. 

Gegen das erste Gerichtsurteil, das auf 15 Jahre Zuchthaus lautet, legt Ronge Berufung ein. Im Urteil von 1947 kann er das Strafmaß auf sechs Jahre reduzieren. 

In einem ostdeutschen Zuchthaus sitzt Helene Schwärzel ihre Strafe ab. Sie ist und bleibt die Einzige, die in der Causa Goerdeler von einem Gericht verurteilt wurde – wohl auch, weil inzwischen zwei deutsche Staaten mit zweierlei Rechtssystemen entstehen. 

1953, nach der Haftentlassung, flieht Helene Schwärzel zunächst nach Schweden. Dann kehrt sie nach Deutschland zurück, diesmal in die BRD. Nach Stationen in West-Berlin und Düsseldorf steht sie 1956 plötzlich im Gutshof von Beienrode. Sie erhofft sich vom „Haus der helfenden Hände“ Schutz und Arbeit. Der Begründer des Hauses, Hans Joachim Iwand, schreibt dazu seiner ostpreußischen Freundin Gräfin von Kanitz am 30.4.1956: „Und nun stand sie plötzlich bei uns. Ihre Familie hatte zur Bekennenden Kirche in Ostpreußen gehört! Wir haben sie jetzt als Mädchen bei einer Flüchtlingsfamilie untergebracht, wo sie in schwierigen Verhältnissen den Haushalt betreut. Denn wir hätten sie ja in unserem Hause auch nicht verborgen halten können, zumal der Sohn von Goerdeler unser Rechtsanwalt ist. Das nur als ein Stück ´wahrer Geschichte`“. 

Helene Schwärzel bleibt auch in ihrer neuen Anstellung nicht lange. Mitte der 1980er Jahre spüren zwei Journalisten sie in einem Altersheim in Norddeutschland auf. In dem Interview mit ihr äußert sich Helene Schwärzel zu ihrer Tat. „Das Böse“  – das sei nicht sie gewesen, das war nur in ihr drin, „war eben stärker“.  Irgendwann danach stirbt Helene Schwärzel. Wann und wo sie begraben liegt, ist nicht bekannt. Der 1993 entstandene Kinofilm trägt sein Thema im Titel: „Die Denunziantin“. 

Quellen: Helga Schubert, „Helene Schwärzel“, in: „Die Judasfrauen“. Luchterhand Verlag, 1990.  – Inge Marszolek, „Der Prozess gegen Helene Schwärzel, Deutschland 1946–1947“, in:“ Lexikon der Politischen Strafprozesse.“ – Clemens Höges, „Das Böse war stärker“, in: Der Spiegel vom 2.5.1993 

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