Ev. – Luth. Kirchengemeinde Harburg-Mitte
Gottesdienst mit GeO am 11.01.2026
1. Sonntag nach Epiphanias
Predigt zu Mt 4-12-17 und zu Versen von Simon Dach – Pastorin Sabine Kaiser-Reis
Lieder:
EG 445 Gott des Himmels und der Erden
Text & Melodie, Heinrich Albert, ab 1630 Domorganist in Königsberg
EG 346 Such wer da will ein ander Ziel
Text: Georg Weissel, geb. 1590 in Ostpreußen, Pfarrer in Königsberg
Melodie: Johann Stobäus ab 1603 Domkantor in Königsberg
O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen (EKG 322) Text: Simon Dach
Ännchen von Tharau, Text: Simon Dach, Übertragung ins Hochdeutsche, J. G. Herder
EG 573 Die Stunde ist da
Text: Jürgen Henkys aus dem Norwegischen, geb. 1929 in Heiligenkreuz
Ich bin ja, Herr, in deiner Macht
du hast mich an das Licht gebracht:
du unterhältst mir auch das Leben:
du kennest meiner Monden Zahl,
weißt, wann ich diesem Jammertal
auch wieder gute Nacht muss geben;
wo, wie und wann ich sterben soll,
das weißt du, Vater, mehr als wohl.1
Liebe Gemeinde,
diese Worte stammen wie die Liedverse, die wir eben gesungen haben aus der Feder von Simon Dach und führen uns an einen Rand, den Rand des Lebens, ganz in die Nähe des Todes. Er hat diese Verse als Sterbelied verfasst für seinen guten Freund und Mentor Robert Roberthin, in Noten gesetzt wurden sie von Domorganist Heinrich Albert. Alle drei Zugezogene in Königsberg und eng verbunden im Dichterkreis, der mit der Musikalischen Kürbishütte bekannt wurde.
Die drei und ein paar andere gelehrte Männer trafen sich regelmäßig nach Feierabend im Garten Heinrich Alberts am Pregel vor den Toren der Stadt in einer mit Kürbislaub umrankten Laube. An lauen Sommerabenden bis zur Erntezeit im frühen Herbst konnte man sie dort oft antreffen. Sie trugen sich gegenseitig Verse vor, sangen gemeinsam und machten Gartenerfahrungen: Blühen und Welken sind Übungen in Vergänglichkeit.
Die Worte führen in eine ferne Zeit, mitten hinein ins 17. Jahrhundert – gebeutelt von Krieg – dem Dreißigjährigen – geprägt von Gewalt, Hunger, Pest und Tod.
Und die Schrecken dieser Welt wachsen auch im Reich der Poesie. Sie werden von den Dichtern nicht vertrieben oder gar ignoriert. Sie sind nie weit.
Als der Garten Heinrich Alberts behördlicherseits weichen musste und mit ihm die Kürbishütte schrieb Simon Dach ein Klage-Poem2 zu Ehren des zerstörten Gartens und Freund Albert zum Trost. Darin führen seine Gedanken ihn geradewegs vom geschändeten Garten zur geschändeten Stadt Magdeburg, die ein paar Jahre (1631) zuvor erobert und vollständig zerstört wurde. 20.000 Menschen starben beim schlimmsten Massaker dieses Krieges. Über diesen großen Kummer vergisst er den kleinen. Auch der Zustand des ganzen Landes treibt ihn um. Er schreibt: „Wo laß ich, Deutschland, dich?/ Du bist durch Beut und Morden, / Die dreißig Jahr her nun, dein Hencker selbst geworden“.
Schreiben in einer friedlosen Welt, davon sind die Verse und Texte damals geprägt. Auch die Königsberger sind berührt vom Leid des Landes, obwohl sie selbst von den Gräueln des Krieges mehr hören als ihn selbst ertragen zu müssen.
Aber: Was verschont vom Krieg wird geholt von der Pest oder von Krankheit. Den Schrecken der Welt entflieht man auch in Königsberg nicht. Doch die Männer lassen sich vom Grauen nicht überwältigen, sie finden Trost in Freundschaft, Musik und Poesie, vielleicht auch Mut und Zuversicht.
Wenn die Welt, wie sie ist, sich einem aufs Gemüt schlägt, dann dem nicht nachgeben, sondern Trost suchen, sich nicht mitziehen lassen in die finsteren Abgründe, sondern eine Gegenstrategie erfinden. Und das geht wie immer besser gemeinsam als allein. Und: „dann muss man gerade jetzt, angesichts von Zerstörung und Gewalt, von Hass und Mord, von Hunger und Angst, schöne Gegengifte brauen, muss Freundlichkeit und Stille ins All atmen und – wer kann – Güte.“3
Dieses Zitat stammt nicht aus dem 17. Jahrhundert, sondern Gabriele von Arnim schrieb die Worte angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine und ist mit ihnen eigentlich im Geiste eng verbunden mit den Dichtern, die vor fast 400 Jahren lebten, oder?
Ein Gegengift für mich sind Gebete, vor Gott bringen was bedrückt oder erdrückt. Die Ohnmacht benennen. Nicht nur vor Gott auch mit anderen Menschen darüber reden und hoffentlich Gleichgesinnte finden.
Du Sonne der Gerechtigkeit
Lass deinen Glanz uns strahlen
Und dann die liebe Frühlingszeit
Feld, Wald und Berge ma(h)len
Lass sanfte Wind und Sonnenschein
Sam(p)t Regen die gehabte Pein
Zehnfältig auch bezahlen.4
So fromm und so geborgen bei Gott und in seiner Schöpfung wussten sich Simon Dach und seine Freunde. Ihnen war das ein Trost. Heute können sicher viele die Worte nicht mehr nachsprechen und müssen ihre Gegengifte an anderen Orten, in anderen Zeiten suchen.
Und das ist wiederum nicht einmal eine moderne Variante, um mit Krisen umzugehen. Trost und Deutung in Worten zu finden, die andere aufgeschrieben haben, um herauszukommen aus Lähmung und Erstarrung. Diese Strategie kannte man schon vor 2.000 Jahren.
Wir haben von ihr vorhin im Matthäus-Evangelium gehört. Dort (Mt 4, 16) wird nämlich Jesaja (9,1) zitiert: „Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“
Für die Anhänger Jesu brach mit seinem Tod die Katastrophe herein. Sie flohen, verstummten, versteckten sich. Aber sie fanden wieder heraus aus Ohnmacht und Entsetzen. Dabei halfen ihnen Worte, alte Worte. Worte der Verheißung, die Jesaja hunderte Jahre zuvor aufgeschrieben hatte auch in Zeiten der Katastrophe, allerdings für sein Volk Israel. Die Kraft der Verheißung, die in ihnen wohnt, kam und kommt aber auch in den Herzen anderer an. Die ersten Christen wurden mit ihnen wieder sprachfähig. Matthäus und seine Kollegen nahmen die Worte dann gerne in ihren Evangelien auf. Und so entfalten die Lichtworte Jesajas ihre Kraft bis zu uns heute. Auch wenn sie nicht für uns geschrieben wurden. Wir Christinnen und Christen legen in das Lichtwort Jesajas unseren Glauben an Jesus Christus hinein.
Es ging sicher nicht nur um Trost, sondern auch darum, zu verstehen und zu deuten. Warum ist es so gekommen, wie es gekommen ist?
Tradition ist wichtig. Jesus von Nazareth bekennt sich zu Johannes, der gerade verhaftet worden war. Bekennt sich zu dem geächteten mit dem Tod bedrohten Täufer. „Wer der Liebe dient, hört auf, ein Sklave der Furcht zu sein.“5
Ohne Angst und entschlossen tritt Jesus in die Fußstapfen des Johannes und macht genau da weiter, wo der aufhörte und ruft wie er: „Tut Buße. Kehrt um. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“
Was für eine Ansage! Das klingt doch so, als ob er dem König (der politischen Herrschaft) den Kampf ansagt: Du verhaftest einen Mann. Ich mache für ihn weiter. Die Worte der Botschaft sind wahrer, als du dir vorstellen kannst. Über ihre Kraft hast du keine Macht.
Den christlichen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen sagt Matthäus darüber hinaus:
Alle Worte Jesu bleiben, wandern in der Zeit und entfalten ihre Kraft, auch wenn der, der sie gesprochen hat, nicht mehr auf der Erde wandelt.
Überwinden Worte die Endlichkeit? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist ihre Lebensdauer sehr viel länger als ein Menschenleben und haltbarer als viele Generationen von ihnen. Vorausgesetzt sie werden gelesen, ausgesprochen, gehört und verstanden so wie biblische Worte.
Simon Dach, Professor für Beredsamkeit an der Universität Königsberg, schrieb viele Auftragsgedichte zu Kindstaufen, Hochzeiten und Jubiläen aller Art, zu Beerdigungen und Amtseinführungen. Seine Kunst war hochgeschätzt und bescherte ihm ein willkommenes Zubrot für das Auskommen der neunköpfigen Familie. Die Auftraggeber wollten damit sicher auch der Endlichkeit und dem Vergessen ein Schnippchen schlagen. Doch wer liest heutzutage schnell geschriebene 400jährige Gebrauchsgedichte? Ich nicht.
Aber auch ambitioniertere Verse von Simon Dach haben es heutzutage schwer. In unserem aktuellen Gesangbuch steht kein einziges seiner geistlichen Lieder. Dafür ist aber ein anderes Lied umso bekannter. Das Volkslied „Ännchen von Tharau“. Geschrieben anlässlich der Hochzeit von Anna Neander, verfasst in samländischen Platt. Zur Popularität verholfen haben dem Lied mehr als hundert Jahre später Johann Gottfried Herder mit der Übertragung ins Hochdeutsche und besonders die Vertonung der Verse durch Friedrich Silcher im 19. Jahrhundert.
Bevor wir nun dieses Lied gleich zusammen singen, ein Wort zum Schluss, eine Bitte:
Erzählt euch von euren Gegengiften, in alten Worten oder neuen Versen, von Hoffnung und Licht in dunklen Zeiten. Denn das ist gewiss, die werden wir brauchen auch in diesem neuen Jahr. Dazu als Begleitung haben wir auch Gottes Zusage:
Siehe, ich mache alles neu! (Off 21,5) Amen
Pastorin Sabine Kaiser-Reis, 31. Januar 2026
Anmerkungen
1 Ich bin ja, Herr, in deiner Macht, Simon Dach 1648
2 Klage über den endlichen Vntergang und ruinierung der musicalischen Kürbs-Hütte vnd Gärtchens, Simon Dach, 13. Januar 1641
3 Gabriele von Arnim, Der Trost der Schönheit – Eine Suche, Hamburg, 2025, Seite 19
4 In kalter Winters-Zeit, Simon Dach (Zeile 78-84)
5 Petrus Chrysologos, Bischof von Ravenna im 5. Jh.
Lesehinweis & Internetrecherche
Lesehinweis: Günter Grass, Das Treffen in Telgte, 1979
